Guide · Marcel Steiert

Eine KI schreibt, eine zweite prüft

Wie versprochen: die Anleitung für das Vier-Augen-Prinzip mit zwei KI-Modellen und mein Prüf-Prompt zum Kopieren. Claude schreibt den Entwurf, eine zweite KI liest ihn gegen, die Einwände gehen zurück an Claude, und erst dann schaust du drüber.

Das Beispiel ist ein Angebot für einen Firmenkunden. Es funktioniert genauso für Verträge, wichtige Kundenmails oder alles andere, was dein Haus verlässt und stimmen muss.

Was du brauchst: einen Zugang zu Claude und einen zu ChatGPT. Zwei normale Chatfenster im Browser reichen, keine Installation, kein Programmieren.
Was du bekommst: drei Prompts, die zusammenarbeiten. Einen zum Schreiben, meinen Prüf-Prompt für die zweite KI und einen, der die Einwände sauber zurück an Claude gibt.
Was es nicht ist: Ersatz für deine Freigabe. Am Ende liest du und unterschreibst du. Die zwei Modelle sorgen nur dafür, dass vorher schon jemand gegengelesen hat.

Warum nicht einfach dieselbe KI fragen?

Weil Sprachmodelle ihre eigenen Fehler schlecht finden. Forscher von Google DeepMind und der University of Illinois haben gezeigt, dass Modelle ihre Antworten ohne Hinweis von außen kaum verbessern, wenn man sie bittet, sich selbst zu prüfen. Teilweise werden die Antworten dadurch sogar schlechter.

Dazu kommt ein zweiter Effekt: Eine andere Studie hat gezeigt, dass Modelle ihre eigenen Texte oft wiedererkennen und sie besser bewerten als gleichwertige Texte von anderen. Fragst du also dieselbe KI „Stimmt das alles?“, hörst du meistens „Ja, passt“.

Ein zweites Modell war beim Schreiben nicht dabei. Es liest den Text wie ein Kollege, der ihn zum ersten Mal sieht.

Quellen: Huang et al., „Large Language Models Cannot Self-Correct Reasoning Yet“, ICLR 2024. Panickssery, Bowman, Feng, „LLM Evaluators Recognize and Favor Their Own Generations“, 2024.

Vorher: Kundendaten raus

Bevor irgendetwas in einen Chat geht, ersetzt du alles, was einen Kunden erkennbar macht, durch Platzhalter. Aus „Müller Bau GmbH, Herr Müller“ wird [Kunde A], aus der Adresse [Adresse]. Die echten Namen setzt du erst ganz am Ende selbst ein.

In 4 Schritten zum geprüften Angebot

  1. Eckdaten aufschreiben

    Die Eckdaten sind die Wahrheit, gegen die später geprüft wird. Je klarer sie sind, desto mehr findet die zweite KI. Für ein Leasingangebot sieht das zum Beispiel so aus. Füll die eckigen Klammern aus und lösch, was nicht passt:

    Eckdaten
    ECKDATEN
    Kunde: [Kunde A], Firmenkunde, [Branche]
    Ansprechpartner: [Ansprechpartner]
    Fahrzeug: [Modell, Ausstattungslinie, wichtige Extras]
    Anzahl: [1]
    Laufzeit: [48] Monate
    Laufleistung: [20.000] km pro Jahr
    Anzahlung: [0]
    Monatliche Rate: [Betrag] netto zuzüglich Mehrwertsteuer
    Mehrkilometer / Minderkilometer: [Betrag pro km] / [Betrag pro km]
    Enthalten: [z. B. Wartung, Verschleiß, Überführung]
    Nicht enthalten: [z. B. Versicherung, Reifen, Zulassung]
    Liefertermin: [voraussichtlich KW xx], ohne Garantie
    Angebot gültig bis: [Datum]
    Was ich ausdrücklich NICHT zusage: [z. B. Rabatt auf Folgefahrzeuge, fester Liefertermin, kostenloser Ersatzwagen]

    Die letzte Zeile ist die wichtigste. Hier steht, was du nicht versprechen willst. Genau solche Zusagen rutschen sonst gern in einen freundlich formulierten Entwurf.

  2. Claude schreibt den Entwurf

    Neuer Chat in Claude. Diesen Prompt einfügen und deine Eckdaten darunter setzen:

    In Claude
    Schreib mir aus den Eckdaten unten ein Angebot für einen Firmenkunden. Sachlich, freundlich, gut lesbar, per Sie.
    
    Regeln:
    - Verwende nur Zahlen und Leistungen aus den Eckdaten. Erfinde nichts dazu.
    - Mach keine Zusagen, die nicht in den Eckdaten stehen, auch keine weichen wie „selbstverständlich“ oder „garantiert“.
    - Die Platzhalter in eckigen Klammern lässt du genau so stehen.
    - Wenn in den Eckdaten etwas fehlt, das in ein vollständiges Angebot gehört, schreib es mir unter das Angebot als Frage, statt es zu raten.
    
    [Hier deine Eckdaten einfügen]

    Hast du eine eigene Angebotsvorlage, gib sie zusätzlich mit und schreib dazu: „Halte dich an Aufbau und Ton dieser Vorlage.“

  3. Die zweite KI prüft mit dem Prüf-Prompt

    Jetzt wechselst du zu ChatGPT, in einen neuen Chat. Dort fügst du meinen Prüf-Prompt ein, darunter die Eckdaten und den Entwurf von Claude. Wichtig: immer beides. Ohne Eckdaten kann die zweite KI nur Stil prüfen, nicht Inhalt.

    Prüf-Prompt · In ChatGPT
    Du bist ein kritischer Kollege im Vertrieb und liest ein Angebot gegen, bevor es zur Freigabe geht. Du hast es nicht geschrieben. Deine Aufgabe ist, Fehler zu finden, nicht das Angebot zu loben oder umzuschreiben.
    
    Prüfe das ANGEBOT Punkt für Punkt gegen die ECKDATEN:
    
    1. Widersprüche: Zahlen, Laufzeiten, Beträge, Daten oder Leistungen, die im Angebot anders stehen als in den Eckdaten oder sich innerhalb des Angebots widersprechen.
    2. Fehlende Positionen: Alles aus den Eckdaten, das im Angebot fehlt. Und was in einem vollständigen Angebot dieser Art üblicherweise stehen müsste, aber weder in den Eckdaten noch im Angebot vorkommt.
    3. Ungewollte Zusagen: Jede Formulierung, die der Kunde als Versprechen verstehen könnte und die nicht durch die Eckdaten gedeckt ist. Achte besonders auf Wörter wie „garantiert“, „selbstverständlich“, „inklusive“, „jederzeit“, „kostenlos“ und auf alles, was unter „Was ich ausdrücklich NICHT zusage“ steht.
    4. Rechnungen: Rechne jede Summe, jeden Prozentwert und jede Netto- und Bruttoangabe nach.
    5. Missverständliches: Sätze, die ein Kunde anders verstehen kann als gemeint, zum Beispiel bei Fristen, Kündigung oder Kosten.
    
    Antworte so:
    - Eine Tabelle mit den Spalten: Nr. | Fundstelle (wörtliches Zitat aus dem Angebot) | Problem | Schwere (hoch / mittel / gering) | Vorschlag
    - Sortiert nach Schwere, das Wichtigste zuerst.
    - Danach ein Satz: Würdest du das Angebot so freigeben, ja oder nein, und warum.
    
    Regeln:
    - Erfinde keine Fehler. Wenn du in einer Kategorie nichts findest, schreib „nichts gefunden“.
    - Zitiere die Fundstelle immer wörtlich, damit ich sie wiederfinde.
    - Die Platzhalter in eckigen Klammern sind Absicht und kein Fehler.
    - Schreib das Angebot nicht neu.
    
    ECKDATEN:
    [Eckdaten einfügen]
    
    ANGEBOT:
    [Entwurf von Claude einfügen]

    Die zweite KI liefert dir eine Liste mit Fundstellen. Lies sie kurz. Nicht jeder Einwand ist berechtigt, aber jeder ist ein Hinweis, wo du genauer hinschauen solltest.

  4. Einwände zurück an Claude, dann du

    Zurück in den Claude-Chat vom Anfang. Die Tabelle der zweiten KI mit diesem Prompt einfügen:

    In Claude
    Ein Kollege hat dein Angebot gegen die Eckdaten geprüft. Hier sind seine Einwände.
    
    Geh jeden Einwand einzeln durch:
    - Ist er berechtigt, korrigier das Angebot.
    - Ist er nicht berechtigt, begründe in einem Satz, warum nicht.
    - Halte dich weiter strikt an die Eckdaten und erfinde nichts dazu.
    
    Gib mir danach:
    1. Das überarbeitete Angebot komplett.
    2. Eine kurze Liste: was du geändert hast und welche Einwände du abgelehnt hast, mit Begründung.
    
    EINWÄNDE:
    [Antwort der zweiten KI einfügen]

    Erst jetzt kommst du. Mit der Änderungsliste siehst du sofort, wo es gehakt hat. Bevor du freigibst:

    • Die wichtigsten Zahlen selbst nachrechnen, vor allem Rate, Summe und Steuer.
    • Die Fundstellen mit „hoch“ im fertigen Angebot noch einmal selbst lesen.
    • Platzhalter durch die echten Kundendaten ersetzen, erst außerhalb der Chats in deiner eigenen Vorlage.
Muss es genau Claude und ChatGPT sein? Nein. Entscheidend ist, dass zwei verschiedene Modelle beteiligt sind. Die Rollen kannst du auch tauschen: ChatGPT schreibt, Claude prüft. Den Prüf-Prompt nutzt du in beiden Richtungen unverändert.

Wofür sich das sonst lohnt

Im Prüf-Prompt ersetzt du dafür nur „Angebot“ durch das, was du prüfen lässt, und „im Vertrieb“ durch die passende Rolle.

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